Viereck - Firoga
Für Oma Stazja

Viereck-Firoga

Seitdem ich mich an irgend etwas erinnern kann, sehe ich vor meinen Augen Viereck (Firoga), meine Lieblingstante Lena ,
ein weites Feld, das Dorf Kokoschken (Kokoszki)am Horizont - wohin mein Onkel Marian (Tante Lenas Sohn) hingezogen war-
und die Kirche in Matern (Matarnia), in der ich unter anderem zwei Hochzeiten erlebt habe.
Es war eine wunderschöne und sorglose Zeit. Zusammen mit Oma Anastazja, Tochter eines Schmiede-Meisters aus Glusin (Glusino),
kamen wir jeden Sommer mit Eimern voller Erdbeeren aus Viereck (Firoga) nach Hause.
Wir sind dort mindestens zwei Mal im Monat gewesen, genau so oft wurden wir von der Tante Lena in Gdingen besucht.
Ich weiß noch ganz genau, wie ich mit dem Pferd von dem Nachbarn (Hinca hieß es) die Szybowcowa-Straße entlang gefahren bin..
Die Messe in der Kirche in Mattern (Matarnia), wohin wir entlang des Waldes (rechts gab es schon den Danziger Flughafen) gegangen sind.
Das war meine Kindheit mit den schönsten Erinnerungen.

Dann kam in den 80er Jahren in Polen das Buch (zensiert) von Günter Grass heraus - "Die Blechtrommel".
(Die Westdeutschen haben es schon gekannt und gelesen - wir nicht, weil es verboten wurde.)


Ihr fragt euch bestimmt: Und was hat es damit, was er erzählt, überhaupt zu tun?

Ja.

Während ich las:

*"Man schrieb das Jahr neunundneunzig, sie saß im Herzen der Kaschubei, nahe bei Bissau, noch näher der Ziegelei,
vor Ramkau saß sie, hinter Viereck, in Richtung der Straßenach Brentau, zwischen Dirschau und Karthaus,
den schwarzen Wald Goldkrug im Rücken saß sie und schob mit einem an der Spitze verkohlten Haselstock Kartoffeln
unter die heiße Asche."

musste ich feststellen, dass ich die selben Erinnerungen habe.
Ich kannte diese Stelle! Ich konnte und kann sie sehen!
Dass Oma Bronski, bevor sie zu Koljiaczek wurde, in denselben Orten lebte, die ich kenne, und bis heute liebe.
Es war für mich ein besonderes Erlebnis, mit seinen, Günter Grass', Augen meine Kindheit nochmall zu erleben -dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Nach Gesprächen mit meinem Vater habe ich erfahren, dass Tante Lena und die Mutter vom Günter Grass Nachbarinnen waren.
Das Haus meiner Familie ist das letzte hinter der dem Flughafen, was heil geblieben ist. Die danach kommenden wurden abgerissen,
damit die Stadt Danzig einen neuen Flughafen haben konnte. Darunter auch das Haus von Günter Grass' Mutter.

Danach kam sein Buch "Unkenrufe" heraus. Das war das erste, das ich in Deutsch vollkommen verstand:

**"Der Zufall stellte den Witwer neben der Witwe. Oder Spielte kein Zufall mit, weil ihre Geschichte auf Allerseelen begann ? "


Die Geschichte der Deutsch-Polnischen Friedhofsgesellschaft.
Schon wieder dieselben Orte, Danzig, Mattern (Matarnia), meine Erinnerungen....

Ich möchte mich mit diesem einfachem Text bei Günter Grass vielmals bedanken. Er hat nicht nur den Deutschen und Polen
das Kaschubische näher gebracht, er hat mir meine Kindheit vor der Vergessenheit gerettet.

Mark Kwidzińsczi


*Günter Grass "Die Blechtromel"/1959

** Günter Grass "Unkenrufe"/1992

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