Lass uns die Kaschuben Chinesisch unterrichten.
Vom Albert Kirk (*)

     "Globalisierung hat auch ihre guten Seiten", ging mir durch den Kopf, als ich im Regal des Supermarktes die Septemberausgabe der "Pomerania" (1) sah. Czeslaw Milosz sagte vor ein paar Jahren in einem Interview, dass er in die Buchhandlungen des Vorkriegs-Wilna ging, um dort Bücher zu lesen und nicht um sie zu kaufen. Wenn man geduldig genug war und einem toleranten Verkäufer begegnete, konnte man auf diese Weise ein ganzes, recht großes Buch innerhalb einer Woche lesen. Ich muss zugeben, dass ich den Ratschlag des Meisters oft nutzte, besonders am Ende des Monats, wenn die Haushaltskasse dem Budget unseres Landes ,Anno Domini 2001' gefährlich ähnelte.

     Nachdem ich ein Paar Artikel in verschiedenen Zeitschriften gelesen habe, sah ich mein Lieblingsblatt "Pomerania", das ich nie ausließ - das Herz hätte es nicht zugelassen. Ich dachte mir, dass es sich nach all den Nachrichten über Bin Laden, die drohende Rezession, das Klonen von Schafen und bald vielleicht Menschen, sowie steigende Steuern, lohnen würde, etwas zu lesen, was die Gedanken beruhigt, also fing ich an: "(...) die Statistik bestärkt uns in der Überzeugung, dass das Erhalten der ethnischen Identität nicht nur von der Kenntnis der kaschubischen Sprache selbst abhängt, sondern besonders von der Erziehung in der eigenen Familie und dem gesellschaftlichen Milieu. Das Kaschubische trägt man im Herzen. Die Vernunft befiehlt uns, andere, nützlichere Sprachen in der globalisierten Welt zu lernen. Nach Ansicht von Regierungskreisen entstanden genügend Möglichkeiten, um in den Sprachen der ethnischen Minderheiten unterrichtet zu werden, dies solle aber freiwillig und nicht unter Zwang geschehen"- schrieb der Bürgermeister der Gemeinde Chmielno (2) Zbigniew Roszkowski.

     Was für einen raffinierten Sinn für Humor besitzt unsere Regierung. Es kann nicht so schlecht aussehen, wenn ein Bürgermeister so etwas an die "Pomerania" schreiben darf! Aber Moment mal, die Humorabteilung des Feuilletons befindet sich doch auf einer anderen Seite. Es scheint also, dass der Machthaber tatsächlich das denkt was er schreibt und wenn es tatsächlich so ist, dann ist dies nicht zum Lachen, weinen müsste man dann!

     Der Herr Bürgermeister meint, dass die Erhaltung der ethnischen Identität nicht von den kaschubischen Sprachkenntnissen abhängt und er hat damit zum Teil Recht. Nur, ein bisschen oder vielleicht auch etwas mehr Recht zu haben ist nicht gleich die ganze Wahrheit, dafür aber meistens die ganze Lüge. Die Statistik überzeugt Herrn Bürgermeister, dass die Erhaltung kaschubischer Identität vor allem von der Erziehung in der Gesellschaft und der Familie abhängt. Herr Bürgermeister hat jedoch vergessen, dass er auch ein Vertreter der Kommunalverwaltung ist, woran er sich als ein Repräsentant der Macht, nicht etwa von Heergott selbst ernannt, sondern in demokratischen Wahlen gewählt, erinnern müsste. Und Demokratie ist manchmal launisch. Herr Bürgermeister scheint nicht zu sehen, dass er mit der Kraft seiner Autorität dazu beitragen sollte, dass die kaschubische Sprache nicht nur in den Garküchen, sondern auch in den Gemeindesälen erklingt. Das Kaschubische im Herzen zu tragen ist zu wenig. Die biegsame Zunge sollte doch das wiedergeben,
was der Kopf denkt!

     Sich auf die Statistik zu berufen überzeugt mich auch nicht. Nicht in diesem Fall. Ein Sprichwort sagt: "Statistik ist wie ein Mädchen, das man leicht ausnutzen könne." Dazu ein Beispiel: wenn mein Nachbar seine Frau zwei Mal am Tag schlägt und ich meine nie, dann tut es statistisch gesehen jeder von uns ein Mal am Tag. Wie viel Wahrheit dahinter steckt, sieht jeder.

     Herr Bürgermeister bezeugt weiter, dass Kaschubisch eine Sprache ist, die wenig brauchbar ist und deren Erlernen den Kindern wenig nutzen wird. Wenn diese Propaganda die desorientierten Eltern, die in der Epoche des (Nicht-) Realsozialismus, der in Wirklichkeit keiner war, ihre Bildung erhielten, überzeugt, dann hat Herr Bürgermeister eine Chance, in die Geschichtsbücher zu kommen! Neben dem Stolper Pastor Christian W. Haken, der im XVIII Jh. lebte und dadurch berühmt wurde, dass er zum Aussterben der kaschubischen Sprache in Teilen Pommerns beigetragen hatte. Dieser Pastor meinte, dass Kaschubisch eine unpraktische Sprache sei, zum täglichem Gebrauch kaum geeignet, und um eine "hohe Kultur" zu erreichen würde sich das Deutsche viel besser eigenen. Wenn man die Statistik und die Elemente des "Brauchbaren" berücksichtigt, hatte er völlig Recht. Genauso wie der Bürgermeister heute.

     Besorgt um das Gut der Kinder, schlage ich also vor, in den Schulen keinen Unterricht des Kaschubischen einzuführen und dort, wo er schon stattfindet, ihn schnellstens abzuschaffen. Um technische Ratschläge zu bekommen, verweise ich auf die Schriften von Haken, der sich als ein wirksamer Politiker zeigte, übrigens wie so viele ihm ähnliche Staatsmänner der vergangenen Jahrhunderte. Herr Bürgermeister schätzt doch die Wirksamkeit im gesellschaftlichen Leben und die praktischen Werte am meisten.

     Es ist jedoch keine Kunst, die Denkmähler der Vergangenheit zu zerstören, wenn man dafür keine neuen errichtet. Die Natur mag keine Leere. Ich schlage also vor, an die Stelle der "abgeschafften Sprachen" (man muss aber zugeben, dass auch das Polnische mit seinen "Schwänzchen" recht unpraktisch ist, und statistisch und global gesehen spricht es nur eine kleine Minderheit ) Chinesisch als Unterrichtssprache einzuführen, die immerhin ein Sechstel der Bewohner unseres Planeten gebrauchen. Wenn wir es noch mit einem
Englischunterricht verbinden, so gibt es "garantierte Zufriedenheit". Da brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen, dass das Kind eines kaschubischen Indianers sich mit seinem Freund aus Shanghai nicht verständigen kann. Im Namen der Zukunft der Kinder : Zukunft wählen - lass uns die Kaschuben Chinesisch unterrichten !" Good luck, Mr. Roszkowski!

     Ich hatte einen Traum. Ich träumte davon, dass die Reform des polnischen Rechts Menschen, die mit dem Recht nichts am Hut haben, an die Hand nehmen wird, dass der Präsident der Vereinigten Staaten das Entstehen des unabhängigen Palästina erklärt, und dass es den Kaschuben die Sprache verschlägt - die eigene Sprache. Als mich jemand ums Wechseln von 100 Zloty ansprach - wie immer hatte ich kein Kleingeld - stellte ich fest, dass das kein Traum, sondern die graue Realität ist.

     Ich hatte aber auch einen anderen Traum diese Nacht! Der Bürgermeister der Gemeinde Chmielno führt die Gemeindedebatten in kaschubischer Sprache. Kinder in Borzestowo / Borschestowo lernen in der Schule mit Computern, ausgestattet mit Windows 2010, in der kaschubischen Version natürlich. An der Universität Danzig entsteht ein Lehrstuhl für Kaschubische Philologie. In der Präambel der polnischen Verfassung las ich, dass in meiner Heimat zwei amtliche Sprachen gelten: Polnisch und Kaschubisch, und ich war kein Angehöriger einer eher unbestimmten "ethnischen Gruppe", sondern des kaschubischen Volkes. Das sagte mir mein Herz, und man kann es nicht ewig betrügen.

     Ich wachte auf. Ich las dieselbe "Pomerania" weiter: Abitur in Kaschubisch im Jahr 2002, Markus Evangelium übersetzt aus dem Griechischen ins Kaschubische... Jemand, der noch vor 20 Jahren über solche Fakten nachgedacht hätte, wäre zum Verrückten und sicher auch zum Separatisten erklärt worden.

     Ich bin davon überzeugt, dass wir Kaschubisch als Pflichtunterricht mindestens bis zur Oberstufen-Ebene in der Kaschubei erleben werden, was übrigens Prof. Alfred F. Majewicz von der Universität Posen und der Universität Hokkaido in Japan schon längst fordert. Es ist keine Sache, die man von denen, die sich 50 Jahre lang durch die kommunistische Regierung manipulieren ließen, abhängig machen sollte. Im XIX Jh. haben die Preußen die Schulpflicht in der Kaschubei eingeführt. Wenn heutzutage jemand im Referendum fragen würde:
"Möchtet ihr Mathematik lernen?", ich würde für "nein" stimmen. Also sollte es eine logische Schlussfolgerung sein, dass Kaschubisch für all diejenigen, die sich in der Kaschubei aufhalten, ob nun kaschubische Kinder, Polen, Afrikaner oder Vietnamesen, zum Pflichtunterricht wird. Ist man schon unter den Wölfen, dann muss man auch mit ihnen heulen! Ma jesma u se! - Wir sind Zuhause!

     Die Kaschubei gibt es nicht ohne die Kaschuben, es wird aber auch keine Kaschuben geben ohne die kaschubische Sprache! Hieronim Derdowski (3) stellte fest "Bez Kaszëb nie ma Pòlsczi!" -" Ohne Kaschubien gibt es kein Polen" . Kaschubisch-Unterricht ist keine lokale Laune, sondern erfüllt die Pflichten gegenüber unserer Heimat - Polen. Sie wird viel ärmer, wenn in fünfzig Jahren dort nur vom Namen her Kaschuben wohnen, die nur wissen "co je krótczi, a co dludzi" (4) - "was kurz ist und was lang" und zum Fest in blauen
Wämslein marschieren.

     Ich wiederhole es nochmals: das Unterrichten der Muttersprache in der Kaschubei ist unsere heilige Pflicht. Pflichten muss man erfüllen und sich nicht davor drücken oder sie in einem Referendum abschaffen. Es geht nicht darum, "ob" das Kaschubische "überstehen" sollte, sondern, "was" können wir tun, damit es sich dynamisch entwickelt! Wenn wir unsere Pflichten vernachlässigen, werden unsere Enkel mit uns abrechnen - hoffentlich müssen wir uns nicht schämen. In ganz Kaschubien dauert seit Jahrhunderten ein stiller Kampf um die Sprache an. Auch heute noch, wenn wir mit dem eigenen Gewissen, der Bequemlichkeit, und der Konjunktur kämpfen!

     Wir wollen keine Apachen sein. Wir wollen nicht in den Freilichtmuseen leben, uns mit Wurzeln ernähren und die Häuser mit Moos stopfen. Wenn es so sein sollte, dann müssen wir unsere Sprache ehren und nicht danach fragen, ob es sich lohnt sie zu lernen. Es ist wie die Frage, ob es sich lohnt, sich das Essen abzugewöhnen. Vielleicht ja, vielleicht rechnet sich das sogar, nur die Folgen können erbärmlich sein! Kaschubisch-Unterricht sollte zu einer Ehren- und Herzenssache für jeden Bewohner der Kaschubei werden. Der verstorbene Priester Dr. Bernard Sychta (5) war ein sehr gläubiger Mensch und ein großer Gelehrter. Dem Herrn Bürgermeister der Gemeinde Chmielno und denen unter uns Kaschuben, die meinen, dass das besser sei, was sich mehr lohnt, möchte ich seine Worte widmen: "Chto sã wstidzy pò kaszëbskù gadac, ten nie je wôrt cobë gò w përda kòpnac!" - " Derjenige, der sich schämt Kaschubisch zu sprechen, ist es nicht einmal wert, dass man ihn in den Hintern tritt".
Amen.

Autor des Textes - Albert Kirk - ist ein Kaschube und lebt in Polen



(**) Erschien in:
ÒDRODA nr 8 (12) / 2001 Pismiono Wòlnëch Kaszëbów ( Schrift der freien Kaschuben) ; ein Kaschubisches Blatt aus Danzig.

(1) Pomerania – Monatsblatt des kaschubisch-pommerschen Vereines (Zrzeszenie Kaszubsko – Pomorskie, ZK – P) gemeint ist die Septemberausgabe aus dem Jahr 2001

(2) Chmielno - knapp 40 Km westlich vom Danzig; ein wunderschön zwischen Seen gelegenes Dorf; die Gemeinde zählt ca. 6000 Einwohner.

(3) Hieronim Derdowski (1852 – 1902) – ein „Pro – polnischer" kaschubischer Schriftsteller. Autor sehr vieler (humorvoller und satiristischer) kaschubischer Bücher. Das bekannteste aus dem Jahr 1880: „ O panu Czôrlinsczim, co do Pucka po secë jachôl" ( Über den Herrn Czorlinski, der nach Putzig wegen Netzen fuhr ").

(4) "co je krótczi, a co dludzi" („was ist kurz und was ist lang") - eine Paraphrase des Volksliedes „Kaschubische Noten", auch „Kaschubisches Alphabet" genannt, was mit Bildschrift dargestellt ist.
Sehr oft von Volksgruppen gespieltes Lied. Ein „muss" für fast jede Site über Kaschuben. Durch die Verbreitung, des schönes Textes, wird leider das Gefühl vermittelt, als wenn die Kaschuben nur
eine Zeichensprache entwickeln konnten. Einer der Klischees, die die kaschubische Kultur degradieren.

(5) Dr. Bernard Sychta (1907 – 1982) – Priester, Kaschubischer Schriftsteller, Kaschubei-Forscher sowie Koschneiderei. Seine wohl bedeutendste Arbeit:„Slownik gwar kaszubskich na tle kultury ludowej" („Wörterbuch der kaschubischen Dialekte im Zusammenhang mit der Volkskultur"), 8 Bänder (1967 –1991).


(*) Aus dem Polnischen: Mark Kwidzińsczi in Zusammenarbeit mit:
Môrcën Bòbrowsczi, Heinz Radde und Richard Glischinski
(**) Bemerkungen Mark Kwidzińsczi
Text mit freundlicher Genehmigung von Albert Kirk.

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